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Volkswagen, der WLTP-Abgastest und der trickreiche Umgang mit Kunden beim Autokauf

Wir lassen uns beraten – bei mehreren Autohäusern in München. Mit der Verbraucherschützerin Marion Jungbluth wollen wir herausfinden:

Wie informieren Autohändler über den neuen Abgastest namens WLTP.

Das Ergebnis des Gesprächs beim VW-Händler ist für die Expertin vom Verbraucherzentrale Bundesverband ziemlich erstaunlich: „Anstatt alle Fakten auf den Tisch zu legen und den Verbraucher fair zu informieren, scheint VW wieder eher zu juristischen Winkelzügen zu greifen und den Autokäufer dazu zu bringen, die Katze im Sack zu kaufen.“

 

von Arne Meyer-Fünffinger / Josef Streule | Bayrischer Rundfunk / Das Erste

 

Der neue Abgastest WLTP und die Probleme bei VW

Bei VW haben zahlreiche Modellvarianten aber den Test noch nicht durchlaufen.
Bei VW haben zahlreiche Modellvarianten aber den Test noch nicht durchlaufen. | Bild: Das Erste

Worum geht es? Tatsache ist: Ab Anfang September ist das neue WLTP-Prüfverfahren (World Harmonized Light Vehicle Test Procedure) für alle Neufahrzeuge Pflicht.

Das neue Messverfahren soll dazu führen, dass die Hersteller realistische Werte zum CO2-Ausstoß und zum Verbrauch angeben werden. Im Schnitt werden die Werte um 20 Prozent steigen, meint der Automobilverband VDA.

Bei VW haben zahlreiche Modellvarianten aber den Test noch nicht durchlaufen. Zig-Tausend Fahrzeuge können daher ab September nicht zugelassen werden. Einige Modelle will VW trotzdem produzieren und zwischenparken. Unter anderem auf dem nicht fertiggestellten Berliner Flughafen BER.

Zugleich drosselt VW die Produktion. Tageweise werden die Bänder stillstehen. Denn viele Modelle stellt der Konzern erst in den nächsten Monaten wieder her.

Wie groß das Problem ist, zeigen interne Unterlagen. Demnach läuft die Herstellung einiger Modellvarianten erst in der 48. Kalenderwoche – Ende November – wieder an. Das ist beispielsweise VW Golf Variant so.

Händler verlangt Unterzeichnung einer Zusatzvereinbarung

WLTP
VW muss produzierte Autos zwischenparken. Teilweise wird sogar die Produktion gestoppt. | Bild: Das Erste

Und auch die Händler haben jetzt ein Problem: Sie können den Kunden derzeit nicht sagen, wie stark die Kfz-Steuer steigt, wenn mit dem WLTP-Test realistischere CO2-Werte gemessen werden. Auch technisch können sich Fahrzeuge durch die WLTP-Umstellung noch verändern. So teilt uns VW auf Anfrage mit: „Es kann zudem zu Anpassungen bei der Abgasaufbereitung, der Leistung oder dem Hubraum kommen.“

Wie da jetzt ein neues Auto bestellen? Wir geben uns beim VW-Händler mit der Verbraucherschützerin Marion Jungbluth als Kunden aus. Im Gespräch räumt der VW-Händler erst auf Nachfrage ein, dass die Kfz-Steuer wohl steigt. Von möglichen Änderungen der Leistung ist keine Rede. Zugleich drängt uns der Verkäufer, eine zusätzliche Vereinbarung zu unterschreiben, berichtet Marion Jungbluth: „Auf jeden Fall wird ein großer Druck aufgebaut, wenn man noch in diesem Jahr das Auto haben möchte und die Lieferfristen bis Ende des Jahres einhalten möchte, dass man die
Zusatzvereinbarung unterschreiben muss.“

"Plusminus" liegt eine Zusatzvereinbarung vor.
„Plusminus“ liegt eine Zusatzvereinbarung von VW vor.  | Bild: Das Erste

„Plusminus“ liegt diese Zusatzvereinbarung vor. Darin heißt es, dass das bestellte Fahrzeug zum Zeitpunkt der Auslieferung nicht mehr verfügbar ist. Und weiter: „Ihre vorliegende Bestellung wird daher – für Sie kostenfrei – in eine vergleichbare Bestellung aktualisiert.“ Der Händler erklärt dies so: „Der Berater hat so getan, als ob eine Änderung der Bestellung ein Vorteil für den Kunden sei. Das ist aber ein Vorteil für Volkswagen, denn die Werte werden sich wahrscheinlich zum größten Teil verschlechtern.

Der Kraftstoffverbrauch auf dem Papier steigt, die Kfz-Steuer steigt und eventuell sinkt die Leistung“, so die Verbraucherschützerin. Zudem muss der Kunde mit seiner Unterschrift erklären, dass er mit einer „möglichen Änderung der Bestellung einverstanden“ ist. Diese Formulierung und die Ausführungen des Händlers erweckten den Eindruck, die Bestellung sei rechtlich bindend, kritisiert Marion Jungbluth: „Die Zusatzvereinbarung ist auf jeden Fall ein juristischer Trick, der Herr hat ja auch gesagt, einen Rücktritt später könnte man zwar versuchen, aber da müsste man einen Anwalt brauchen.“

Informationen über die wahren Abgaswerte erst vor Zulassung

Und das ist noch nicht alles. Interne VW-Dokumente zeigen: Erst vor der Zulassung sollen Kunden über die tatsächlichen WLTP-Werte aufgeklärt werden. Mit einer weiteren Zusatzvereinbarung. Darin ist explizit von der „verbindlichen Volkswagen Fahrzeug-Bestellung“ die Rede.

Dann werden die Verbrauchs- und CO2-Werte genannt und der Kunde soll mit seiner Unterschrift bestätigen, dass er das Fahrzeug „weiterhin abnehmen“ möchte. Auch dieses Vorgehen setzt Kunden unter Druck, meint Marion Jungbluth vom Verbraucherzentrale Bundesverband: „Kurz vor der Zulassung werden viele Autokäufer davor zurückschrecken, das Angebot nochmals abzulehnen“.

Und wenn jemand doch ablehnen will? Ist ein Rücktritt vom Kaufvertrag möglich? Gegenüber „Plusminus“ erklärt VW: „Ist der Kunde mit den neuen Verbrauchswerten nicht einverstanden, kann er von dem Kaufvertrag zurücktreten und muss das Fahrzeug nicht abnehmen.“ Wenn das so ist, dann sollte VW zumindest sicherstellen, dass wirklich alle Händler über die Möglichkeit zum Rücktritt vom Kaufvertrag informiert sind. Wichtig wäre auch, das Vertragsverfahren so zu gestalten, dass Kunden von Anfang an über ihre tatsächlichen Rechte aufgeklärt werden.

Auf Nachfrage von "Plusminus" erklärt VW folgendes:
Auf Nachfrage von „Plusminus“ erklärt VW folgendes: | Bild: Das Erste

WLTP-Umstellung macht auch anderen Herstellern Probleme

Renault-Kunden können derzeit viele Modellvarianten gar nicht erst bestellen.
Renault-Kunden können derzeit viele Modellvarianten gar nicht erst bestellen. | Bild: Das Erste

Wie ist das bei anderen Herstellern? Der französische Autobauer Renault hinkt bei der WLTP-Umstellung ebenfalls hinterher. Hier erfahren wir: Kunden können derzeit viele Modellvarianten gar nicht erst bestellen.

Nochmals Marion Jungbluth: „Bei Renault sind nur die Modelle bestellbar, die schon nach WLTP-zertifiziert sind, und die anderen können zur Zeit gar nicht bestellt werden, und man muss abwarten, bis die zertifiziert sind. Das ist eine saubere Nummer.“

Bei anderen Herstellern läuft es besser

Doch wie reagieren die Kunden auf solche Lieferprobleme? Die Firma Carwow aus München hat wegen der WLTP-Umstellung derzeit viel zu tun. Denn die junge Firma bringt Käufer und Händler auf einer Internetplattform zusammen.

Ist ein Fahrzeug nicht lieferbar, hagelt es Nachfragen, wie Philipp Sayler von Amende erläutert: „Dass ich ein Fahrzeug nicht bestellbar habe und gar nicht mehr im Programm habe, kommt bei Kunden gar nicht gut an, kann ich ihnen sagen, weil der Kunde sagt, warum? Wollen die mir kein Auto mehr verkaufen?“

Auch bei anderen Autobauern läuft die Umstellung auf den neuen Prüfstandard nicht ganz rund. BMW hat die Aufgabe zwar mittlerweile größtenteils bewältigt. Einige Modelle wurden aber aus dem Programm genommen. So kann man in der 7er-Reihe derzeit keinen Benziner kaufen. Ähnlich die Situation bei Daimler: Fast die gesamte Produktpalette ist bereits WLTP-zertifiziert. Ein paar Modellvarianten wurden gestrichen. Opel hat keine Probleme.

Warum kam der VW-Konzern mit WLTP so ins Schleudern?

Warum hinkt gerade VW so hinterher?
Warum hinkt gerade VW so hinterher? | Bild: Das Erste

Massiv am Kämpfen ist dagegen Audi. Der VW-Tochter fehlen für viele Modelle noch Freigaben durch den neuen Abgastest. Der Autobauer muss daher nach den Werksferien ebenfalls die Produktion herunterfahren.

Warum ist vor allem der VW-Konzern derart am Schlingern? Schriftlich teilt uns das Unternehmen mit: „Im Volkswagen Konzern müssen für mehr als 260 Motor-Getriebevarianten neue Werte in kürzester Zeit ermittelt werden.

Ab Inkrafttreten des Gesetzes haben wir nur 13 Monate Zeit.“ Haben sich die Konzerne auf das neue Messverfahren nicht ausreichend vorbereiten können? Lucia Caudet, Sprecherin der EU-Kommission in Brüssel, dementiert: „Die Arbeit daran begann schon 2009 auf UN-Ebene. Die Autohersteller waren beteiligt und hatten genug Zeit, die notwendige Technologie zu entwickeln.“

Für den Automobilexperten Prof. Stefan Bratzel ist deshalb klar: Der VW-Konzern ist zwar durch die Dieselkrise besonders belastet. Die Probleme mit dem WLTP-Standard sind aber hausgemacht: „Aus meiner Sicht war es tatsächlich eine Art Managementfehler. Man hat sich nicht die Zeit genommen, rechtzeitig diese WLTP-Anpassung zu planen und entsprechend Kapazitäten vorzusehen, und deswegen kommt man etwas in Rücklage und das muss man jetzt managen.“

Noch ein Tipp: Im August bietet die WLTP-Umstellung Autokäufern viele Chancen: Denn Lagerfahrzeuge ohne WLTP-Test dürfen ab September nicht mehr zugelassen werden. Deshalb locken manche Hersteller jetzt noch mit hohen Rabatten.

Stand: August 2018

3 Gedanken zu „Volkswagen, der WLTP-Abgastest und der trickreiche Umgang mit Kunden beim Autokauf

  1. Hallo,
    aus dem Artikel geht hervor, dass man vom Kauf zurücktreten kann. Ich habe zuletzt einen VW Neuwagen bestellt und musste auch eine wltp Zusatzvereinbarung unterschreiben. Aufgrund der langen Wartezeit, über 3 Monate jetzt und noch kein Liefertermin, der Verunsicherung bzgl. höherer Abgaswerte und mögliche Fahrverbote, würde ich nun den Kauf stornieren. Ich habe den Händler gefragt, ob dies möglich ist, ohne ihn die Infos zu geben, die ich aus diesem Artikel gewonnen habe. Der Händler hat gesagt, das ein Kaufrücktritt nicht mehr möglich ist, da der Wagen gerade gebaut wird. Stimmt es, dass noch eine zweite zusatzvereinbarung vor der Zulassung unterschrieben werden muss und man so vom Kauf zurücktreten kann? Für eine Antwort wäre ich ihnen dankbar. Schöne Grüße Ried

    1. Ihre individuelle Vereinbarung mit dem Händler kenne ich nicht. Wir sind auch keine Rechtsanwälte und können und dürfen da auch nicht beraten. So auch nicht bezüglich Ihres Kaufvertrages und die Verbindungen damit. In den AGBs ist klar geregelt, was Sie unterschrieben haben. Notfalls fragen Sie einen Anwalt. Solche ZUSATZ Vereinbarungen sind immer mit Vorsicht zu geniessen und in vielen Fällen wurde und wird dringend davon abgeraten. Der Hersteller bzw. Händler sichert sich ab – ein Käufernutzen erschließt sich mir nicht.

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