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TESLA und der brennende Journalismus

Es tut mir leid Sie gleich zu Beginn enttäuschen zu müssen. Dieser Artikel hier handelt nicht wirklich von Tesla.

Er handelt von Journalismus, von der individuellen Beurteilung von Informationen und von einem Geschäftsmodell, das immer mehr auf Grund läuft. Und von den Auswirkungen auf unsere Gesellschaft.

von Alain Veuve Founder & VRP, Accounto AG  für Digitale Transformation

 

Ein Unfall. Ein Feuer. Ein Elektroauto

Tesla bekommt seit einiger Zeit in den Medien sein Fett weg. Kein Tag vergeht, an dem nicht irgendeine Meldung zu allen möglichen Themen rund um Tesla zur Geschichte gemacht wird. Welche Blüten das bisweilen treibt, zeigte sich exemplarisch am Beispiel eines tragischen Unfalls in der südlichen Schweiz.

Ein Tesla eines Mannes aus Deutschland kollidierte mit der Strassenbegrenzung, das Auto fing Feuer und brannte aus. Der Fahrer kam dabei ums Leben. Ein, man muss das so schreiben, leider ganz gewöhnliches Vorkommnis. Auf unserem Planeten sterben pro Jahr rund 1.25 Mio Menschen im Verkehr. Pro Stunde rund 140.

Früh am Morgen des 15. Mai hatte das Schweizer Gratis-Blatt «20Minuten» eine Meldung der Schweizerischen Depeschen Agentur übernommen. Titel: „Brannte der Tesla wegen einem überhitzten Akku?“

In diesem Artikel stand an jenem Morgen:

„Der tödliche Unfall auf der A2 im Tessin von letzter Woche könnte laut der Feuerwehr von Bellinzona durch die Batterie im Tesla ausgelöst worden sein.“

Dumm nur, genau das hatte die Feuerwehr mit keinem Wort gesagt. Sondern:

 

Sinngemäß übersetzt:

«10. Mai – # Autofeuer auf der Autobahn.

Im Einsatz vom vergangenen Donnerstag wurden unsere freiwilligen Feuerwehrleute mit einem Elektrofahrzeug in Flammen konfrontiert. Der heftige Aufprall von Lithium-Ionen-Batterien könnte wahrscheinlich ein Phänomen namens #thermalrunway verursacht haben, das einen gleichmäßigen und unaufhaltsamen Temperaturanstieg bedeutet.

Einen interessanten Einblick in das Thema gibt es unter http://antincendio-italia.it/il_risk-incendio-nei-veico…/ #firefighting #anticendio #pompieri»

Die Kausalität ist in dieser Sache von entscheidender Wichtigkeit

Die Kausalität zwischen Unfall/Kollision des Fahrzeugs und des Feuers entscheidet hier über eine journalistische Sensationsmeldung oder über einen (leider) ziemlich normalen Vorfall.

Denn so wie es im Artikel anfangs dargestellt wurde, wäre der Akku der Auslöser des Unfalls: Man muss sich das mal vorstellen; man fährt also in so einem Auto mir nichts Dir nichts und plötzlich bricht ein höllisches Feuer aus, in dem man im Auto gefangen qualvoll verbrennt. Das ist ein Skandal – eine ungeheuerliche Sache.

Oder, stellt man es so dar wie von der Feuerwehr gezeichnet, ist die Kollision selber der Auslöser des Unfalls. Man baut also einen Unfall welcher mit einem heftigen Aufprall einhergeht, das Auto beginnt in der Folge zu brennen und der Fahrer stirbt. Ein ziemlich normaler Unfall, wie schon erwähnt sehr bedauerlich und tragisch, aber heute in der Regel keine Meldung in nationalen Medien wert. Weil es, so hart das tönt, niemanden interessiert.

Schluddrige Arbeit oder bewusstes Verdrehen?

Die Frage, die sich mir und anderen an diesem Morgen stellte war, warum der Autor diesen Artikel so publiziert hatte. War es einfach eine Copy-Paste Aktion des SDA Rohmaterials oder hat der Schreiber dieses Artikels ebendiesen bewusst verschärft.

Es gibt wohl für beides gute Gründe. Vielleicht war es auch eine Mischung aus beidem. Der Artikel wurde in verschiedener Ausprägung auch in anderen Medien publiziert. Einzig die NZZ hat sich am Morgen des 15.5. offensichtlich die Mühe gemacht, die Dinge zu hinterfragen und einen weitgehend den Tatsachen entsprechenden Artikel zu publizieren.

Man konnte und kann an den Kommentaren zu den Artikeln sehen, dass die Leser zu Recht empört über den Unfall waren. Zu Recht in dem Sinne als, dass die Version, die sie wahrgenommen hatten jene ist, dass das Auto selbst (resp. eben die Batterien) am Umfall schuld war. Auch wenn das nicht so war.

Es sind ganz kleine feine Unterschiede die eine lahme Story zu einer großartigen Story machen

Dadurch, dass Tesla polarisiert und fast niemand keine Meinung zu Tesla hat, ist der alleinige Umstand, dass Tesla im Titel des Artikels steht, ein Garant für erhöhten Traffic (sprich Leserzahlen). Das wird übrigens mit dem Artikel, den Sie hier gerade lesen nicht anders sein. Alles mit Tesla im Titel wird stark geklickt.

Warum die Medien, und es scheint kein Blatt vor dieser Versuchung gefeit, am laufenden Band positive wie negative Artikel zu Tesla bringen, hängt stark damit zusammen. Was Klickzahlen noch erhöht und worauf alle die im Internet publizieren scharf drauf sind ist, wenn ein Stück Content stark geteilt wird. Stark geteilt wird, was entweder extrem toll, extrem süß oder ein extremer Skandal ist. Tesla trägt zu diesem Effekt natürlich seinen Teil dazu bei, indem sie bewusst oder unbewusst, alle drei Genres immer wieder bedienen.

Journalistisch sauber ist das alles nicht

Dieser Fall zeigt meiner Meinung nach exemplarisch, was im heutigen Journalismus falsch läuft. Die Dinge werden, ob jetzt bewusst oder unbewusst spielt erstmal keine grosse Rolle, verdreht, in kleinen Details abgeändert.

Wenn ich mich nicht intensiv mit dem Elektroauto auseinandergesetzt hätte, ich hätte nach 50 Sekunden Durchfliegen des 20 Minuten Artikels das Gefühl, diese Autos sind sprichwörtlich brandgefährlich und eine echte Gefahr für alle (guck mal wie das Ding lodert!). Schwierig ist eben: Ich kann erst mit erheblichem Fachwissen erkennen, dass der Artikel ein falsches Bild vermittelt.

Es ist nämlich so, dass Elektroautos im Schnitt weniger brennen. Wenn sie brennen beginnen sie sehr langsam zu brennen, man hat also viel Zeit das Auto zu verlassen – sofern man nach einem Unfall dazu körperlich noch in der Lage ist. Wenn Elektroautos aber einmal richtig brennen, können sehr intensive und schwer löschbare Feuer entstehen. Dieser von der Feuerwehr beschriebenen «thermal runaway» ist mit dafür verantwortlich. Weiter spricht vieles dafür, dass das Auto mit sehr hoher Geschwindigkeit unterwegs war, denn ein Tesla kann sich durch den sehr niedrigen Schwerpunkt praktisch nicht überschlagen. Das ist mit ein Grund, warum Teslas zu den sichersten Autos auf dem Markt gehören und regelmässig die besten Ratings bekommen. All das ist nicht einfach greifbar, ohne dieses Wissen, ich wiederhole mich, hätte ich die Story vom brennenden Todes-Elektro wahrscheinlich sofort gekauft (und geteilt).

Was ist mit den Dingen, bei denen ich mich nicht auskenne ?

An dem Punkt ist es mir am Morgen des 15.5. doch kalt den Rücken runtergelaufen. Was ist, wenn ich andere Artikel lese, die von Dingen handeln über die ich kein vertieftes Wissen habe? Ich tendiere dazu das in Artikeln gezeichnete Bild zu glauben. Wird dieselbe Geschichte in verschiedenen Artikeln in verschiedenen Publikationen erzählt unterstützt das diesen Effekt zusätzlich.

Dieses Vertrauen in die Medien fusst auf der Narrative, dass der Journalismus eine grundsätzlich Hehre, weil der Wahrheit und Sache verpflichtete, Kaste sei. Und vielleicht war sie das auch wirklich einmal – ich denke aber heute ist das nicht mehr so. Denn es ging dem Journalismus das Geld aus.

«Es ist immer einfach, unabhängig und kritisch zu sein solange genug «Fxxx-you-money» vorhanden ist.»

Im Journalismus muss heute Geld verdient werden und das verdient man bei Volumenblättern in großem Masse durch – Klicks.

Ein System das «Fake news» begünstigt

Hören wir «Fake news» denken wir oft an komplett falsche Meldungen und an Donald Trump der den Begriff für sich gepachtet hat und jede kritische Einschätzung direkt als Fake-News abtut. Das ist schade.

Verheerend sind in der Tat Geschichten wie diese über den brennenden Tesla. Eine kleine Verschiebung der Faktenlage – ohne dass man so genau sagen kann, ob das nun absichtlich geschah oder nicht – und schon wird ein komplett anderes Bild gezeichnet. Viele Tesla-Fans sind der Meinung, dass sich die Medien gegen Tesla verschworen hätten und/oder Tesla schlechtschreiben müssten, weil die traditionellen Hersteller ihnen das bewusst oder unbewusst mit ihren großen Werbeetats aufdrängen würden. Ich halte das für völligen Schwachsinn. Es ist viel simpler: Der Journalismus braucht schlicht und einfach die Klicks und das Geld. Tesla ist dafür ein idealer «Partner».

Bonus für Klicks

In welche Richtung das geht, können wir zum Beispiel an einem Versuch den Tamedia, ein Medienhaus in der Schweiz letztes Jahr startete: Mitarbeiter sollen für die meistgelesenen Artikel einen Bonus bekommen. Mark Eisenegger, Professor für Kommunikationswissenschaften an der Universität Zürich lässt sich in einem Radiobeitrag des SRF folgendermaßen zitieren: Er befürchte, dass vor allem der Anreiz darin besteht, die Titel zuzuspitzen und zu übertreiben. Eisenegger weiter: «Geschichten, die vielleicht gar nicht so wahnsinnig dramatisch sind, würden effekthascherisch aufbereitet.»

Dieser Versuch, von dem ich übrigens nicht weiß wie er für Tamedia ausging, zeigt exemplarisch wo sich die gesamte Branche hinbewegt. Auch große Häuser, wie zum Beispiel der Spiegel, scheinen davor nicht gefeit. Ob sie Ihre Mitarbeiter Prämien ausrichten oder nicht ist dabei zweitrangig. Wenn die Zahlen das sind, was zählt und nicht mehr diese Debattenführerschaft wie vor ein paar Jahrzehnten, dann ersetzt der Hype und das Spektakel systematisch den thematischen Tiefgang.

Auf in etwas Neues

Da stehen der Journalismus und die Medien immer schräger in der Landschaft. Viel Glaubwürdigkeit ist mittlerweile in der breiten Bevölkerung verloren gegangen. Aber wer offen diese Punkte anspricht – so wie ich es gerade tue – wird allzu schnell in die Trump-Ecke geworfen. Und, dass das auch gesagt sei; natürlich gibt es den rechtschaffenden Qualitätsjournalismus auch noch. Und viele gute Leute.

So wie zum Beispiel Peter Knechtli mit seinem Portal Online Reports in der Region Basel. Einer der ersten Journalisten, der sich in der Schweiz ins Internet wagte und der bis heute mit qualitativ hochwertigen, differenzierten Artikeln von sich Reden macht. Damit anständig viel Geld verdienen kann man wahrscheinlich nicht. Schon nur, weil man nicht gleichzeitig ambitionierter Unternehmer und der Sache verpflichteter Journalist sein kann.

Ich denke die Medien müssen sich neu gebären. Mich erstaunt nicht, dass nur wenige Medien-Startups den Weg in die Realität finden. Es ist nicht leicht sich vom Alten zu lösen und komplett neue Modell zu erfinden in dem Bereich. Ein Vertreter dieser Gilde ist REPUBLIK, ein Online-Magazin, das ohne Werbung finanziert ist und 3 Artikel pro Tag veröffentlicht. Qualität: sehr hoch. Ob das die Zukunft ist? Fraglich. Ob es für die Medien und den Journalismus wie wir mit ihnen aufgewachsen sind überhaupt eine Zukunft gibt? Sehr fraglich. Ob es diese Zukunft geben muss? Überhaupt nicht. Alles kann nichts muss.

«Wir brauchen weder Medien noch Journalismus – wir benötigen aber sehr wohl einen faktenorientierten und -basierten, ehrlichen, gesellschaftlich breit aufgestellten Diskurs. Wenn der in Zukunft bidirektionaler, demokratischer stattfinden kann, umso besser»

Wie wir dahin kommen, kann ich Ihnen auch nicht sagen. Meine Einschätzung ist, dass wir zuerst noch viel tiefer fallen müssen als Gesellschaft. Bis auch der oder die Hinterletzte begriffen hat, das man sehr wohl seine eigene Meinung haben darf – eigene Fakten aber nie verhandelbar sind.

Tesla brennt

Und zu guter Letzt; um Tesla mache ich mir keine Sorgen. Zum einen, weil bei Tesla eigentlich alles immer irgendwie gut aufgeht, wenn mal das Drama überstanden ist. Zum anderen, weil Tesla enorm von der (ob jetzt negativen oder positiven) Coverage profitiert. Diese Media-Attention zu kaufen wäre für Tesla unmöglich.

Elon Musk, CEO von Tesla, weiss das genau – und er befeuert dieses Spiel, bewusst oder unbewusst sei mal dahingestellt, mit schöner Kontinuität. Just als ich den Artikel fertig habe, twittert Musk über die Medien und wie falsch alles laufe, füttert die Narrative, dass die Big Oil und Big-Car Firmen die Anzeigen bezahlen und alles beeinflussen. Und spielt mit dem Gedanken eine Anti-Fake-News Plattform zu lancieren.

Viel mehr Öl kann er nicht ins Feuer gießen. Wenn er den Strom von schlechten und überzeichneten oder gar falschen News ernsthaft reduzieren will, muss er mit solchen Aktionen aufhören. Dem Feuer, um bei der Analogie zu bleiben, sozusagen die Nahrung entziehen.

20Minuten hat den erwähnten Artikel seit dem 15.5 verschiedene Male angepasst. Nun steht da: «Der Todesfall auf der A2 im Tessin von letzter Woche könnte mit der Batterie des Autos zu tun haben. Die Polizei ermittelt weiterhin.» Änderungen eines bestehenden Artikels sind bei 20Minuten also locker auch ohne Kennzeichnung möglich. So geht Journalismus heute.

Fotos: von Alain Veuve 

 

5 Gedanken zu „TESLA und der brennende Journalismus

  1. Es tut mir leid Sie gleich zu Beginn enttäuschen zu müssen. Dieser Kommentar hier handelt nicht wirklich von Tesla. Er handelt von Ingenieurarbeit, von der individuellen Beurteilung von Informationen und von einem Geschäftsmodell, das immer mehr auf Grund läuft. Und von den Auswirkungen auf unsere Gesellschaft.

    Julius Einhart, 1906: «Vielversprechende Aussichten auf dem Gebiete des Transportwesens bietet ferner der Bau elektrischer Automobile und Omnibusse.»

    Teslas Schuldenberg wächst und wächst und wächst …

  2. Sehr gut das Problem mit dem heutigen Journalismus analysiert und dargestellt.
    Viele online-Artikel lese ich schon gar nicht mehr, weil aus der Überschrift schon erkennbar ist, dass es sich um reines Clickbaiting handelt.
    Erschreckend ist auch immer wieder, wie auch hier ausgeführt wird, dass man bei Themen in denen man über Expertenwissen verfügt erkennt, wie schlecht manche Artikel recherchiert bzw. geschrieben sind. Viele, die das Wissen nicht haben nehmen dann aber den Inhalt für bare Münze und erzählen das dann weiter. Das habe ich gestern erst wieder live erlebt.
    Daher ist es wichtig, dass das jemand diese Mechanismen so transparent macht, wie das in diesem Artikel getan wurde. Vielen Dank!

  3. FALSCH Hans Kolpak

    Keine Technologie war am Anfang perfekt.
    Auf Grund läuft die Tatsache das es, auch wegen Dieselgate, zu Veränderungen kommen musste und es funktioniert. Immer besser. Seit Jahren fahren wir, wie immer mehr auch, rein elektrisch. Weitgehend problemlos.

    Falsch läuft das Geschäftsmodell an Verbrennungsmotoren festzuhalten.
    Eine Veränderung, die auch ohne uns läuft.
    Verschlafen, verpennt, ausgesessen, schlecht gemacht, darum geht es hier auch.

    Die Auswirkungen auf unsere Gesellschaft werden gut sein. Noch können wir mitgehalten. Noch !

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