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Fahrverbote: Stickoxid-Werte sind seit Diesel-Fahrverboten gestiegen!

Kommt es zur Erweiterung des Fahrverbotes in Hamburg ? Eine Zwischenbilanz zeigt sogar noch eine Steigerung der Belastung mit Stickstoffdioxid in der Fahrverbotszone Max Brauer Allee

von Thorsten Bär | emobicon - Cover Bild: MoPo

Seit dem 31. Mai 2018 gelten für zwei Strassen in Hamburg Durchfahrtsverbote für alle Fahrzeuge, die nicht die Euro-6-Abgasnorm erfüllen. Die Ergebnisse sind ernüchternd.

Die nun veröffentlichten Daten des Hamburger Luftmessnetzes zeigen nun die Realität.  Zu Beginn der Maßnahmen ist wirklich eine deutliche Verbesserung der Daten in der  Stresemannstrasse abzulesen. Die Messstation auf 1,50 Meter Höhe zeigt hier eine Veränderung im Juni zum Vorjahr – von 47 Mikrogramm pro Kubikmeter auf 37.

Ein Grund könnte sein, das es am Anfang recht viele Anfangskontrollen gab. Seit dem Herbst vergangenen Jahres gleichen sich die Werte allerdings immer mehr an. So liegen die Werte im Oktober mit 48 Mikrogramm pro Kubikmeter sogar deutlich über dem Vorjahreswert (39)!

Kaum Kontrollen der Fahrverbote ?

Schlimmer noch sieht es in der Max-Brauer-Allee aus: Bis auf den heissen August sind die Werte insgesamt schlechter als im Jahr 2017, als es noch keine Fahrverbote gab. Das heisst: Die Maßnahme scheint nicht wirklich viel zu bringen.

So berichten Anwohner immer wieder, dass Fahrzeuge durchfahren, die mit Sicherheit nicht die Euro-6-Norm erfüllten, denn es wird kaum kontrolliert. Die Polizeipressestelle indes versichert: „Wir kontrollieren in unregelmäßigen Abständen.“

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Neue und andere Maßnahmen gefordert

Natürlich gibt es jetzt wieder viele Stimmen, die das belächeln und andere Massnahmen fordern. Norbert Hackbusch (Linke) kommentiert gegenüber der MOPO: „Damit erweisen sich diese Maßnahmen an den Verkehrsstraßen als Beruhigungsmittel. Und als PR-Gag des Senats!“ Er fordert den Senat auf, nicht erst in einem Jahr weitere Maßnahmen zu diskutieren. „Wir schlagen als ersten Schritt ein LKW-Transit-Verbot durch Hamburg vor.“ Zudem solle an den belasteten Hauptstraßen der Einsatz von Elektrobussen forciert werden. 

Gesundheitsschädlich, haltlos und die jetzigen Grenzwerte unsinnig?

Klar ist: Spätestens seit Gerichte reihenweise ähnliche Fahrverbote auch in anderen deutschen Städten verhängt haben, tobt eine heftige Debatte über Sinn und Unsinn dieser Verbote. Und auch eine Debatte über die Schadstoff-Grenzwerte. 40 Mikrogramm Stickoxid im Jahresmittel, das ist der Grenzwert, der die Diesel-Debatte prägt. Grundlage ist eine EU-Richtlinie, die sich wiederum auf Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO stützt.

Sind Behauptungen, die Diesel-Autos seien gesundheitsschädlich, haltlos und die jetzigen Grenzwerte unsinnig? In vielen Medien, von „Zeit“ bis „Bild“, taucht schnell diese Aussage auf: „Es stirbt kein Mensch wegen des Stickoxids an den Hauptstraßen.“ Ein Satz, den Dieter Köhler ständig wiederholt und mit dem er auch ständig zitiert wird. Der Lungen-Facharzt war bis 2007 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, und ist so etwas wie der Vorzeigewissenschaftler für all diejenigen, die sich über Diesel-Fahrverbote und zu strenge Stickoxid-Grenzwerte empören. 

Denn schon die Kerzen des Adventskranzes führten zu höheren Konzentrationen als die im Straßenverkehr erlaubten 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, sagt Köhler. Die Stuttgarter Nachrichten zitieren ihn mit der These, dass Kolleginnen und Kollegen, die anderer Meinung als er sind, diese nur deshalb vertreten würden, weil es um Arbeitsplätze, Opportunismus, Forschungsgelder oder Ideologie gehe.

Die Datenlage ist noch nicht besonders eindeutig

Und tatsächlich: Auch Klaus Rabe, der aktuelle Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Lungenfacharzt aus Großhansdorf in Schleswig-Holstein, würde Köhlers Kernsatz erst einmal nicht widersprechen – dass also auf den Straßen niemand allein vom Stickoxid zusammenbrechen würde. Rabe sieht den Streit um Grenzwerte dennoch völlig anders: „Jeder, der sich jetzt hinstellt und so tut, als ob er es genau weiß, lehnt sich sehr weit aus dem Fenster. Die Datenlage ist noch nicht besonders eindeutig.“ 

Eindeutig ist für Rabe und den großen Teil seiner Kolleginnen und Kollegen: Stickoxide sind Abgase, die im Zusammenspiel mit anderen Abgasen oder auch Feinstaub die Gesundheit vor allem von Kindern, älteren Menschen und Menschen etwa mit Vorerkrankungen beeinträchtigen können: „Diese Risikogruppen will ich als Mediziner schützen. Sie sollen selbst entscheiden können, ob sie sich diesen Abgasen aussetzen.“ Und da kommen eben Grenzwerte ins Spiel: „Ich bin der Erste, der eine rationale Diskussion über Grenzwerte haben will,“ sagt Rabe im Gespräch mit NDR Info: „Ich würde dann aber auch fordern, dass mir jemand zeigen muss, in welchen Konzentrationen diese Gase wirklich unschädlich sind.“  

Auch Feinstaub ist ein Problem

Zu einer rationalen Diskussion gehört laut Rabe zudem nicht, nur den Stickoxid-Grenzwert zu betrachten. So weisen Lungenfachärzte immer wieder darauf hin, dass vor allem Feinstaub gefährlich sei. Das sind kleinste Staubpartikel, die in die Atemwege dringen. Vor allem Feinstaubpartikel, die im Durchmesser kleiner als 2,5 Mikrometer sind, können Lungenkrankheiten auslösen oder das Risiko von Herzinfarkten oder Schlaganfällen erhöhen. Der Autoverkehr ist eine Ursache für Feinstaub, allerdings auch Benzin-Autos. Die Grenzwerte für Feinstaub bezeichnen viele Mediziner als zu lax. 

Die EU muss Abgasvorschriften sogar noch verschärfen

Klaus Rabe, der Vorsitzende der Pneumologischen Gesellschaft, fordert, so rasch wie möglich bestehende Wissenslücken zu schließen, um die Diskussion über Grenzwerte zu versachlichen. So lange plädiert er aber weiterhin dafür, eher Risikogruppen zu schützen, statt Grenzwerte zu lockern. Alexander Kekulé, der Mediziner aus Halle an der Saale, hält die derzeitigen Stickoxid-Grenzwerte zwar für „aus der Luft gegriffen“ – trotzdem schrieb auch er in einem Gastbeitrag in der „Zeit“, dass es „unklug“ sei, diese Werte zu ändern. 

Zum Einen, weil die 40-Mikrogramm-Grenze schon bald mit besseren Autos unterschritten werde. Zum Anderen, weil sonst auch die Lockerung anderer Umweltauflagen diskutiert würde. Die EU müsse stattdessen allein wegen des Feinstaub- und CO2-Problems Abgasvorschriften sogar verschärfen und dafür sorgen, dass die Autohersteller sie einhielten. „Insgesamt geht die Diskussion über saubere Luft ja in die richtige Richtung“, sagt Kekulé auch NDR Info.

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