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TESLA: „Danke, dass Du VW & Co. zeigst, wo es lang geht“

In sieben Jahren will VW das letzte Modell mit Verbrennungsmotor auf den Markt bringen und investiert plötzlich Milliarden in E-Modelle. Das ist Elon Musk zu verdanken. Zeit für ein Dankeschön an den Tesla-Chef.

Ein Kommentar von Martin Seiwert | Wirtschaftswoche – Bild: Volkswagen AG , Illustration: Marcel Stahn

Lieber Elon,

Weihnachten nähert sich und ich dachte, ich schreibe Dir mal ein paar Zeilen.

Das Jahr war hart für Dich. Es sei das härteste Deines Lebens gewesen, hast Du gesagt. Da waren die langen Nächte mitten in Deiner Model-3-Produktionshölle, Dein aus dem Ruder gelaufener Medikamentenkonsum, Deine leider ziemlich irrwitzigen, weil öffentlichen Überlegungen, Tesla von der Börse zu nehmen, und die anschließenden Ermittlungen der Börsenaufsicht. Schließlich Deine teilweise Entmachtung bei Tesla.

Aber: Elon, der Rocket Man, schüttelte diesen Ballast ab wie die Antriebsstufe einer Rakete und schwang sich zu neuen Höhen empor. Seit kurzem kann Tesla 1000 Model 3 pro Tag produzieren – der Sprung in die Massenfertigung ist geschafft. Wie eifrig hatten die deutschen Autobauer die These verbreitet, Du würdest an dieser letzten Hürde scheitern. Das Model 3 wurde von Auto-Experten in aller Welt zerlegt, seziert, analysiert und dann voller Hochachtung zum besten E-Auto der Welt erklärt, mit einem technologischen Vorsprung von mehreren Jahren vor der gesamten Konkurrenz. Und das teuerste Teil von E-Autos, die Batterie, baust Du 30 Prozent günstiger als der beste Wettbewerber. Deutsche Automanager sagen mir, dass sie das am meisten schmerzt.

Aber das weißt Du ja alles. Warum ich Dir eigentlich schreibe: Ich wollte einfach mal danke sagen dafür, dass Du den deutschen Auto-Managern zeigst, wo es lang geht.

Gestern wurde bekannt, dass Volkswagen 2026 das letzte wirklich neue Auto mit Verbrennungsmotor auf den Markt bringen wird. Ab sofort hat jeder Benziner, jeder Diesel ein aufgedrucktes Mindesthaltbarkeitsdatum: Bis 2020 ist ein Verbrenner noch recht frisch, bis 2025 noch genießbar, danach droht Schimmel. Denn wer, bitteschön, kauft 2026 das letzte neue Verbrenner-Modell? Ein Auto, das als technologischer Oldtimer vielleicht schon nach fünf Jahren in Deutschland praktisch unverkäuflich ist? Das nur in technologisch etwas rückständigen Ländern noch Kunden findet, wie heute schon unsere schmutzigen Skandal-Diesel?

Dinge kippen schnell, wenn ein Ende in Sicht ist. Deshalb haben sich VW und Co. so lange geweigert, vom Ende zu sprechen. Nun tut es VW und das ist vor allem Dir zu verdanken. Vor genau einem Jahrzehnt hat Du mit dem ersten Tesla-Modell, dem Roadster, Autofahrern und Autoindustrie die Augen geöffnet. Zusammengelötete Laptop-Akkus reichen für den Antrieb eines coolen, verdammt schnellen E-Autos – das war neu. Die Botschaft wurde gehört in der deutschen Autoindustrie. Praktisch jeder Vorstand drehte damals ein paar Runden im Roadster und war ebenso entzückt vom Fahrspaß wie erschrocken von der erspürten Zeitenwende.

Nach diesem Trauma begann die Phase der Verdrängung. Die deutschen Hersteller ersannen erst den Diesel als angeblich klimafreundliche Antwort auf den Tesla-Angriff, ohne allerdings eine Lösung für die Stickoxid-Schwäche des Selbstzünders zu haben. Während Ihr Euer erstes Massenmodell bautet, das Model S, von dem Ihr inzwischen schon rund 300.000 Stück verkauft habt, gaben Audi und VW bei der Programmierung ihrer Betrugssoftware so richtig Gas.

Während Du schon das nächste Modell, den Geländewagen Model X auf den Markt brachtest und das Model 3 plantest, erkrankte die deutsche Autoindustrie an akuter technologischer Verwirrtheit. Öffentlich verkauft wurde die Geisteskrankheit als „Technologieoffenheit“: Deutschland dürfe sich nicht auf eine Antriebstechnik der Zukunft festlegen. Der Diesel werde künftig unbedingt gebraucht, natürlich aber nur bei größeren Autos und nur, wenn die Kosten für die Abgasreinigung noch tragbar seien.

Auch besonders sparsame Benziner müsse es natürlich geben. Plug-in-Hybride sollten auch sehr wichtig sein; diese Kombination aus Elektro und Verbrenner wurde sogar zum Königsweg der deutschen Hersteller erklärt. Auch die mit Milliardenaufwand entwickelten Wasserstoffautos sollten kommen. Aber nur, wenn in ein oder zwei Jahrzehnten eine Versorgung mit sauberem Wasserstoff aufgebaut sei. Oder machen wir einfach weiter mit unseren alten Benzinern und Dieseln und befüllen sie mit synthetischen Kraftstoffen, die mit grünem Strom hergestellt werden? Auch das war eine sehr beliebte Denkrichtung.

Die deutsche Politik sang das Lied der Technologieoffenheit gerne mit. Sie hat ja generell die Tendenz, das von den Herstellern vorgelegte Liedgut zu intonieren. Bundeskanzlerin Angela Merkel etwa kämpfte schon lange vor den Stickoxid-Skandalen gegen strenge Stickoxid-Grenzwerte in den USA, „weil sie die deutsche Diesel-Technik gefährden“ und erzählte noch vor kurzem, dass der Diesel für den Klimaschutz unverzichtbar sei. Es sei eine „Brückentechnologie“, so sagte sie, „die werden wir nicht Jahre brauchen, sondern ich würde sagen: Jahrzehnte.“

Blöd nur, dass der Volkswagen-Konzern nun schon in sieben Jahren kein Geld mehr in die Entwicklung dieser ach so wichtigen „Brückentechnologie“ stecken will. Stattdessen investiert VW die atemberaubende Summe von 30 Milliarden Euro in die Batterieautos. Nicht in Wasserstoff, nicht in synthetische Kraftstoffe, weil diese Antriebsformen um ein vielfaches ineffizienter seien, als E-Autos mit Batterie, so erklärte es kürzlich Porsche-Chef Oliver Blume im WirtschaftsWoche-Interview. Nur mit dem batterieelektrischen Auto ließen sich die Klimaschutzziele erreichen. Endlich ist es raus. Gute Genesung an all jene, die immer noch von Technologieoffenheit befallen sind

Volkswagen schwenkt also auf den Tesla-Weg ein. Und, das wäre meine Prognose, die anderen Autobauer werden nachziehen. Ab 2025 werden kaum noch neue Verbrenner entwickelt, 2035 sind dann die letzten Exemplare aus den Autohäusern verschwunden. Das ist sicherlich eine wohltuende Erkenntnis für Dich, lieber Elon, nach diesem turbulenten Jahr.

Es ist vor allem aber eine gute Nachricht für den Klimaschutz. Denn gerade der Verkehrssektor droht alle Klimaziele zu reißen. Das E-Auto wird die Wende bringen. Selbst mit dem derzeitigen, deutschen Strommix sind Elektroautos klimafreundlicher, auch wenn man die energieaufwändige Batterieherstellung einbezieht. Und mit jedem Fortschritt in der Energieerzeugung werden die Autos sauberer.

Lieber Elon, ich wünsche Dir entspannte Weihnachtstage und dass 2019 etwas weniger turbulent wird als dieses Jahr! Im Lauf des Jahres wirst Du Deine ersten Runden in deutschen Autos drehen, die als Tesla-Fighter antreten. Als Deutscher würde ich sagen: Hoffentlich wird die ein oder andere Rundfahrt ein kleines Ärgernis.

Beste Grüße,
Martin Seiwert

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