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Ladesäulen: Vom Fluch und Segen des Eichrechts

Bis April müssen Ladesäulen einem neuen Standard entsprechen. Es kommen Vorgaben für das Eichrecht beim Laden. Die Umrüstungen sind teuer und es besteht die Gefahr, dass tausende Anlagen abgerissen werden müssen. Die Verunsicherung ist gross.

von Harald M. Depta | emobicon - Cover Bild: emobicon

Neue Spielregeln beim Aufladen von Elektrofahrzeugen an öffentlichen Ladesäulen bereitet den Herstellern nicht nur Probleme, sondern verunsichern auch die Betreiber. Ab 1. April müssen Ladesäulen einrechtskonform sein. Sie müssen Messsysteme haben die aufzeichnen, wieviel Strom wann und zu welcher Zeit an Ladesäulen geladen wurde. Auch die Preisangabenverordnung schreibt vor, dass Kilowattstundengenau abgerechnet werden soll.

Über die Idee wird gestritten. So fordern Verbraucherschützer, dass ein Elektroautofahrer wissen soll, was ihnen eine kWh Strom kostet, wenn er an diesem Standort aufladen möchte. So heißt es: „Eine einheitliche Abrechnung nach Kilowattstunde schafft Vergleichbarkeit und Transparenz“. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen setzt auf Vertrauen in die Elektromobilität.

Regeländerungen mit Risiken

Die Hersteller und Betreiber von öffentlicher Ladeinfrastruktur haben ein Problem. Diese Regeländerung wird aller voraussicht nach drastische Folgen für die Branche haben. Während die einen diese neuen Regeln ignorieren wollen und damit Rechtsrisiken eingehen, sprechen andere davon, bis zur Klärung einzelner Sachverhalte Ladestationen vom Netz zu nehmen.

Eine Wechselladestation für die normale Ladung bis 22 kW
Eine Gleichstromladesäule für das schnelle Aufladen bis 50 kW
Ein neuer Gleichstrom - Schnelllader mit bis zu 175 kW
Bilder: emobicon

Ladeflatrate könnte zum Problem werden

Die Eichrechtsreform greift damit auch an bestehende Tarife. Aber was bedeutet das für die Fahrer von Elektrofahrzeugen, die an öffentlichen Ladestationen das Akku aufladen wollen ?  Unzulässig soll mit dem Eichrecht die Pauschalisierung von Ladekosten an Ladesäulen sein. So gibt es Anbieter, die eine pauschale Gebühr pro Ladevorgang verlangen. Oder es gibt sogar Flatrates.

Eine Gebühr pro Monat und man muss nicht jeden einzelnen Ladevorgang abrechnen. So ähnlich kennen es viele vom telefonieren. Ob Smartphone oder Festnetz. Einmal eine Gebühr bezahlt und der Nutzer muss je nach Vorgabe keine Extragebühren fürchten, egal wie oft man telefoniert. Juristische Berater des Bundeswirtschaftsministeriums meinen, dass diese Art der Abrechnung zum 1. April unzulässig wird. 

Eichrechtskonformität muss zertifiziert sein

Bei den Wechselladestationen, die man häufig in Innenstädten findet, ist die Lage ein wenig besser. Für die meisten dieser Stationen wird es Nachrüstlösungen geben. Diese stellen wahrscheinlich für die meisten Hersteller kein Problem da. So hat der Anbieter innogy für seine Ladestationen standardmässig eine eichrechtskonforme Lösung. Mittlerweile hat die zuständige Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB)  bereits drei  Lösungen zertifiziert, mit denen eine solche Messung möglich ist. Darunter eine des Sauerländer Ladesystemherstellers Mennekes, der sich deshalb über Großaufträge freuen kann. Andere Anbieter, wie wallbe und ABL arbeiten an Lösungen, die in Kürze marktreif sein sollen.

Was ist mit dem Altbestand an Ladesäulen ?

Klar ist: Die Umrüstung bereits installierter Ladepunkte wird dauern, denn viele Betreiber werden die Lösung des Problems bis zum April nicht schaffen. Diese Situation ist auch dem Bundeswirtschaftsministerium bekannt. Dem Tagesspiegel liegt ein internes Papier des Ministeriums vor. Demnach gibt es einige Anbieter, die mit der Nachrüstung erst gegen Ende des Jahres fertig sein werden. 

Ein viel grösseres Problem stellen Ladesäulen dar, die nicht umrüstbar sind. Ihnen fehlt die technische Möglichkeit um diese eichrechtskonform zu ertüchtigen. Laut Ministerium gibt es davon rund 2500 Ladesäulen mit zwei Ladepunkten und über 1000 Ladesäulen mit jeweils einem Ladepunkt. Rechtlich gesehen müssen diese im April außer Betrieb genommen werden. Klar ist: Anbieter, die solche Ladesäulen weiter betreiben, begehen eine Ordnungswidrigkeit, ihnen drohen Strafzahlungen.

Das absurde dabei: Viele dieser Stationen sind mit viel Geld gefördert worden. Und in vielen Förderbedingungen  gibt es Bestandspflichten. Das heisst: Ein Betreiber, der Fördergelder zum Aufbau von Ladeinfrastruktur erhalten hat, muss die Stationen, je nach Förderart, meistens 5 oder 6 Jahre betreiben. Was ist aber, wenn die Stationen abgerissen, stillgelegt oder vom Netz genommen wird ? Dazu konnte uns das Ministerium bis heute keine Antwort geben.

Technische Lösungen gibt es noch nicht für alle

Für Schnelllader ist die Situation sogar noch verzwickter. So weiss der Betreiber IONITY , dass es bis zum 01.04. keine technische Möglichkeit geben wird, um eichrechtskonformen Gleichstrom zu messen. Damit kann der Betreiber des Netzwerkes von Ladeeinrichtungen, zu dem BMW, Daimler, Volkswagen und Ford gehören, die Anforderungen nicht erfüllen. Zwar wird sich sich die Lage mittelfristig bessern, aber noch gibt es mehr Fragen als Antworten. Mehrere Unternehmen haben angekündigt, eichrechtskonforme Gleichstrom-Lader zu entwickeln. So machte LEM der zulassenden Behörde PTB eine entsprechende Zusage. Vier weitere Hersteller erwarten im Laufe des zweiten Quartals einen positiven Bescheid.

Ein Tripple Schnelllader mit Wechselstrom und Gleichstrom: AC: 22 kW | DC: 50 kW - Bild: emobicon

Bis zu 2500 € Kosten pro Nachrüstung

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Ein einfacher Schnelllader mit 175 kW und europäischem Ladestandard CCS | Bild: emobicon

Klar ist bereits heute: Die neuen technischen Lösungen sind nicht nur komplex sondern auch ziemlich teuer. Ladenetzbetreiber müssen nicht nur die Säulen umbauen und die neuen technischen Standards integrieren, sondern auch die Kosten für die entsprechende Software zur Abrechnung muss den Anforderungen entsprechen. Je nach Ladeleistung werden bei Schnellladern zwischen 600 und 2500 Euro für die Nachrüstung einer Ladestation veranschlagt.

Ein hoher Millionenbetrag an Kosten scheint sicher, allerdings ist die unübersichtliche Situation als Belastung noch nicht abschliessend geklärt. Branchenkenner sprechen von einem Fass ohne Boden. 

Keine Fristverlängerung geplant

Die Betreiber haben praktisch keine Wahl. Das Problem: Eine weitere Fristverlängerung für die Aussetzung des Eichrechts und der Preisangabenverordnung wird es nicht geben. Als Begründung heißt es dazu auch in Kreisen des Bundeswirtschaftsministeriums: „Letztlich werden damit die Unternehmen bestraft, die bei der Elektromobilität als Pioniere vorangegangen sind.“ Das solle verhindert werden. Man fühlt sich in der Pflicht.

Wird es Ausnahmen oder Klagen geben ?

Jetzt stellt man natürlich auch die Frage, ob mit einer Klagewelle zu rechnen ist. Branchenkenner rechnen nicht damit, denn im Moment scheint es so zu sein, dass Behörden des Eichrechts und weitere Preisbehörden noch ein Auge zudrücken. Da in den Behörden die Situation klar sein dürfte, wird es ganz offensichtlich für AC-Ladesäulen der alten Generation weiter Ausnahmen geben. Gleiches gilt demnach auch für die bereits installierten Schnelllader, die sich aufgrund fehlender Messtechnik gar nicht fristgerecht umrüsten lassen.

Die Vorlage einer Absichtserklärung und eines Nachrüstplans bei den zuständigen Eichbehörden wird voraussichtlich reichen, um drohenden Ordnungswidrigkeits-Verfahren zu entgehen. Hoffentlich.

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Rechtsunsicherheit ein Desaster

Ob Betreiber, Aufsteller von Ladesäulen oder Behörden. Hier spielt man sich den Ball hin und her und man scheint sich im Grunde einig zu sein. Aber unklar ist, welche Handhabe Kunden ab dem 1. April haben werden. Einige Betreiber, die zurzeit Flatrates pro Ladevorgang oder Minutenpreise anbieten, wollten sich auf Nachfrage von Tagesspiegel nicht zu ihren Umrüstplänen und möglichen neuen Tarifen äußern. Sogar wir von emobicon bekommen kaum Informationen, weder als Nutzer noch als Unternehmen, welche Ladestationen gewerblich oder privat aufbaut. Hier scheint man noch abzuwarten.  Was wir aber hören ist, dass man sogar bereit ist, eine Klage zu riskieren. Andere wiederum wollen ihre Tarife in den kommenden Wochen umstellen. Zuwenig ist da allerdings bislang bekannt.

Verschiedene Verbände erklären aktuell, dass diese Rechtsunsicherheit ein Desaster ist! Denn im vergangenen Jahrzehnt wurden mehrere hundert Millionen Euro in den Ausbau der Ladeinfrastruktur investiert, ohne vorher sicherzustellen, dass die mit Steuergeld installierten Ladesäulen eichrechtskonform sind.

Preisangabenverordnung bleibt weiter umstritten

Je nachdem, wie man es auslegt oder schlussendlich würdigt: Bei einer strengen Vollstreckung droht einigen Ladesäulen ab April der Abriss.  Das Desaster dabei ist, dass das Bundeswirtschaftsministerium bis heute keine Rechtssicherheit für die Betreiber hergestellt hat. Es gleicht einem Staatsversagen, ähnlich wie in der Dieselkrise. Warum man zu wenig oder nichts tut wollte das Bundeswirtschaftsministerium auch uns nicht sagen.

Kritik an der Preisangabenverordnung kommt auch aus anderer Ecke: Claas Bracklo zweifelt, ob die kilowattstundengenaue Abrechnung für die Kunden tatsächlich der beste Weg ist. Für den Mobilfunk habe sich auch ein Mix aus flexiblen Tarifen und Flatrates bewährt, sagte der BMW-Manager, beim Autoindustrieverband VDA zuständig für Elektromobilität, vor einiger Zeit den „VDI-Nachrichten“.

Bracklo: „Wir brauchen Zeit, um intelligente, preiswerte und industrietaugliche Lösungen zu entwickeln, die zudem für ganz Europa gelten.“ Weltweit habe dafür sowieso niemand Verständnis!

Quelle: Tagesspiegel

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