Volkswagen: Die Angst vor dem NOKIA Effekt zeigt die Realität

von | 19.01.2020 | Autobauer | 0 Kommentare

Der Chef macht Druck. Mit einer klaren Ansage gibt VW-Chef Diess zu verstehen, dass der Umbau von Volkswagen zur Elektromobilität zu langsam geht. In seiner Brandrede redet er seiner Führungsmannschaft ins Gewissen. Der eigene Vergleich zum finnischen Telefonriesen NOKIA kommt nicht von ungefähr. Diess bringt es auf den Punkt: Die Zukunft für VW wird elektrisch. Wir müssen schneller werden!

von Harald M. Depta | emobicon - CoverBild: emobicon

Tesla nahm niemand ernst, auch Volkswagen nicht. Das Belächeln und Ignorieren war typisch deutsch. Elektroauto und dann noch so? Die Vorstellungskraft der deutschen Hersteller die keine war. Niemand traute sich das laut auszusprechen, aber hinter vorgehaltener Hand wurde das immer wieder gesagt: „Das wird bei Tesla nichts“. Dann kam der Abgasskandal. Eine Schockstarre begann und dieses Thema wurde mit jedem Tag für den Autobauer gefährlicher. Die juristische Auseinandersetzung – bis heute Tagesthema, aber nur noch selten medial Thema. Erst spät setzte Ernüchterung ein. Die verwöhnten deutschen Hersteller merkten, dass es um Elektromobilität geht. Tesla war in vielen Gesprächen das Thema. Nicht Volkswagen, Daimler, Audi und BMW. Die Absatzzahlen im so wichtigen Premiumsegment gingen deutlich zurück. Tesla holte sich die Kunden, die sonst deutsche Ingenieurskunst gewohnt waren und mit dem Model 3 von Tesla begann die Panik in den Chefetagen der deutschen Hersteller. 

Tesla ist relevantester Wettbewerber

Die Transformation der Automobilwirtschaft war längst im Gange, als Volkswagen begann sich mit dem Thema zu beschäftigen. Sollte die Elektromobilität tatsächlich eine neue Mobilität einläuten?  Und  Volkswagen erkannte dann in 2017 an, dass Tesla der relevanteste Wettbewerber für Volkswagen sein wird. Das war sowas wie ein Paukenschlag und ein Weckruf zugleich. Hektische Betriebsamkeit, viele öffentliche Versprechen und vor allem noch mehr Ankündigungen aller deutschen Hersteller waren die Folge. Tesla musste nun ernst genommen werden, denn es folgten deutliche Taten. Da war es das Supercharger Netz – das zuverlässigste Ladenetz der Welt. Da war das Model 3 von Tesla und schon bald werden Cybertruck und Model Y folgen. Keine Sprüche, sondern Taten, die noch mehr Druck aufbauen. Das Eingeständnis deutscher Hersteller fehlt immer noch: Wir sind ziemlich spät dran. Es ist aber so – sehr deutlich. Und jeder der sich mit dem Thema beschäftigt der erlebt es – Tag für Tag. 

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Das Thema muss ernstgenommen werden

Auch die Presse kommt nicht mehr drum herum Tesla ernst zu nehmen, über Tesla zu berichten, auch wenn es denen oft noch schwer fällt und man immer noch merkt, wie so manch ein Journalist widerwillig an das Thema insgesamt heran geht. In Behauptungen aufstellen und Schlagzeilen ohne echten Inhalt aufstellen  sind Journalisten bekanntlich schnell. 

Im November 2019 folgte die Verleihung des „Goldenen Lenkrades“ in Berlin und der nächste Paukenschlag wurde bekannt: Tesla baut, nahe Berlin, eine Gigafactory. Auf einmal hatte die Politik Tesla ganz doll lieb, denn man winkte mit Arbeitsplätzen. Und wieder schaffte es Tesla zu zeigen, das man deutschen Hersteller vor sich her treibt. Selbst VW Chef Diess brachte ein Lob auf offener Bühne heraus:  „Ich bin froh, dass Elon uns antreibt“ Klar wurde zudem, dass Tesla wichtig ist, um der Elektromobilität zum Durchbruch zu verhelfen.

Im Sturm der grössten Transformationsprozesse

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Tesla als Referenzgröße bei Volkswagen. Ist das beschämend oder ohne Wahl? Diess kennt auch die Zwickmühle seines Unternehmens. Autobau ist nur noch mit digitaler Technologie möglich. Das heisst Software, Software, Software. Eine bekannte Schwäche deutscher Hersteller. So passt dann auch die deutliche Aussage von Diess: „Volkswagen steht mitten im Sturm der beiden größten Transformationsprozesse“.  Volkswagen weiss, dass der Klimawandel dazugehört, der Innovationsdruck zum emissionsfreien Fahren dazugehört. Der Druck der Öffentlichkeit bleibt auch hier nicht ungehört. Das es dabei auch Verlierer geben wird, ist klar – aber VW will natürlich nicht dazu gehören.

Nichts, gar nichts wird mehr sein, wie bisher. Mobilitätswende, Energiewende, neu erdachter Verkehr – so vieles auf einmal. Und dann ist da noch die Digitalisierung. Sie verändert jede Form der Mobilität. Logisch: Wir alle haben Smartphone & Co.

Automobilbauer oder Technische Unternehmen?

Die raue See treibt die Neuerfindung der Mobilität voran und damit gestaltet sich auch komplette Prozess der Automobilwirtschaft. Neues Denken, anderer Fahrzeugbau und damit auch die gesamte technologische und logistische Einbettung. Ein grosser Unterschied kommt gleich als aller erstes. So werden reine Automobilunternehmen auch wie ein Automobilunternehmen bewertet, Tesla wie ein Tech-Unternehmen. Und dass das Automobil nicht nur eine rollende Maschine sein wird, hat auch Volkswagen erkannt. Das Automobil wird in Zukunft das komplexeste, wertvollste, massentaugliche Internet-Device heisst es dazu von VW Chef Diess.

Schnell sein, sonst wird es eng

Wir können bestätigen, was da draussen passiert. Die Fahrzeuge vernetzter und noch technischer. Tesla Fahrzeuge sind online. Ein wertvoller Datenschatz, mit dem das Unternehmen wertvolle Daten aus dem Alltag bekommt. Denn nicht das Volumen einer Herstellung wird ein entschiedenes Kriterium der Zukunft sein, sondern die Daten, die Qualität und Rückschlüsse. 

Jede einzelne Unterstützung bis zum vollautonomen Fahrzeug werden die Zukunft entscheiden. Genau dahin will auch Volkswagen. Die große Frage dabei ist aber, wie schnell man sein wird . Diess scheint das Problem erkannt zu haben und sagt: „Die ehrliche Antwort lautet: Vielleicht, aber es wird immer kritischer. Wenn wir in unserem jetzigen Tempo weitermachen, wird es sogar sehr eng“.

Beispiele, die genau das zeigen gibt es reichlich. Jeder kennt den Satz: „Täglich grüsst das Murmeltier“ Von der Kutsche zum Automobil, von Diesellok auf Elektroantrieb, vom analogen Telefon über Handy zum Smartphone, vom stationären  zum Internethandel. Überall gab es Widerstände. 

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Nokia hatte auch niemanden ernst genommen

Die schlimmsten Horrorszenarien und jede Menge Lügen, FakeNews gibt es online.  Im Zeitalter vom Billiinternet bei Socialmedia, kann man jede Menge Halbwahrheiten und Frust ausdrücken. Die kommen aber oft mit Doppelmoral einher. Eine Schlagzeile lesen tun viele – sich inhaltlich damit zu beschäftigen, aber die wenigsten. Es ist normal geworden, auch deshalb wird es kaum noch ernst genommen.

Das Beispiel NOKIA kennen viele. Der einstige finnische Weltmarktführer im Mobilfunk hatte zwar die besten Handys und die besten Akkus, aber war zu schwerfällig, um zu erkennen, was noch alles möglich erscheint. Das Thema Smartphone wurde genau so belächelt, wie wir das vom Elektrofahrzeug her kennen. Als Apple-Chef Steve Jobs mit der Einführung des ersten iPhones – eines Computers in Handyform kam, hat das niemand ernst genommen. Aber das ist heute ganz klar vergleichbar: Was heute Tesla beim Elektroauto ist wer oder was in der Zukunft? Das Unternehmen Nokia. Wer oder was ist Nokia heute noch? Quasi nicht mehr der Rede wert.

Veränderungen sind auch eine Chance

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Und mit der deutlichen Veränderung beim Automobilbau wird es auch um Jobs gehen. Jede Menge werden wegfallen – aber es birgt auch Chancen. Das hilft aber nur, wenn man diese Chancen nutzt. VW Chef Diess weiss das ganz offensichtlich und sagt: „Das Auto ist nicht länger nur Transportmittel. Und das bedeutet auch: Die Zeit klassischer Automobilhersteller ist vorbei.“ Die Zukunft von Volkswagen liege im digitalen Tech-Konzern – und nur da: „Wir werden ein zusätzliches Aufholprogramm brauchen, um alles Potenzial im Konzern dafür zu mobilisieren.“ Diese Brandrede ist ein Eingeständnis. Offen ist noch, wieviele Jobs bei Volkswagen wegfallen oder erneuert werden müssen. Diess glaubt, dass Volkswagen für diesen Wettbewerb gut aufgestellt ist. Die Konzentration darf nicht nur die Fahrzeugproduktion sein, sondern man müsse sich auf deren digitale Vernetzung konzentrieren. Und Volkswagen testet bereits, was kommen könnte: Fahrdienste in Berlin und Hamburg. Man muss abwarten, ob genau das ein Modell für die Zukunft sein wird. Schwer scheint es zu sein.

Auf der Suche nach der neuen Kernkompetenz

Volkswagen und auch die anderen grossen Hersteller wissen, dass die Technik, die veränderte Mobilität, die Wende hin zu neuen mobilen Formen und die Konnektivität nicht deren Kernkompetenzen sind. Klar ist aber auch, das man an diesen Modellen festhalten will. Ja, VW weiss, dass das ein Baustein der Mobilität von morgen sein wird. VW muss dabei sein Engagement zeitlich strecken, bis die Voraussetzungen für die Profitabilität besser sind. Im Moment kann man nur bedingt steuern, aber wichtig ist jetzt dabei zu sein.

Automobilbau angekommen im IT Bereich

Tief greifende Veränderungen erwartet VW auch bei der Qualifikation von Mitarbeitern. Mehr Digitalisierung bei der Produktion, aber eben auch anderes neues Denken bei der Entwicklung von Prozessen und DigitalProgrammen. Die Anzahl von Experten im IT Bereich werde deutlich erhöht sein. 

Und das nächste Problem steht damit im Raum. Woher nehmen? Nicht erst heute ist klar, dass sich echte Experten eher in Kalifornien und Asien konzentrieren, aber deutsche Hersteller und IT passt noch nicht son recht zusammen. Man weiss damit auch, dass man künftig nicht mehr nur untereinander, sondern zunehmend auch mit anderen Technologieunternehmen, sei es in der IT-Branche selbst, sei es bei den erneuerbaren Energien konkurriert. Das gehört eben auch zur neuen Dimension der industriellen Revolution.

Eine der Kernaufgaben für Volkswagen ist der Einstieg in die Elektromobilität auch mit dem ersten reinen Elektromodell von VW, dem ID.3 und hier liegt das nächste Problem. Unfertige Softwarearchitektur zwingt dazu abzuwarten. Man will zwar im August tatsächlich ausliefern können, aber ob das realistisch sein wird, ist derzeit offen.

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Lobbytum auch heute noch mit einem Geschmäckle

Der ID.3 muss auf die Straße. Schnell und konsequent. Es zeigt eben auch die Schwäche, die man früher verborgen hätte. An der Realität führt kein Weg vorbei auch nicht sich klar zu machen: Entweder man trägt diese Veränderungen mit, oder man verliert und das geht heute viel schneller, als früher. Bezeichnend ist dann auch, dass zu viele mit jeder Menge Halbwissen meinen gegen alles und jeden zu sein und man zeigt ganz offen die Doppelmoral in der man sich im Alltag bewegt.

Interessant ist aber auch die Erkenntnis, dass die Politik und die Autobauer immer noch in einer Konstellation der Lobbypolitik versuchen, an alten Mustern festzuhalten. Denn es bleibt ein fahler Beigeschmack wenn man erlebt, dass die Widersprüche in der Neuordnung der Förderplitik des Bundes genau das klar zeigen. Irgendwie will man nicht oder eben weiter aussitzen, was nicht mehr zu verhindern ist. Hintergrund ist hierbei sicherlich die Tatsache, das VW mit seiner Markteinführung noch nicht soweit ist und damit es ziemlich genau passt, wenn man die erhöhte Förderung verhindert. Andere Hersteller sind da weiter. Zum Beispiel die Asiaten mit Hyundai, KIA und Nissan.

Und auch die Ankündigung von IONITY künftig viel mehr zu verlangen, wenn man dort seinen Stromer auflädt ist sehr bedenklich und sicherlich ein Fehler. Die Frage darf also sein: Wie ernst nimmt man dieses Themenfeld? Viele Widersprüche, denn das eine was man sagt ist nicht das reale Handeln von jetzt und hier.

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