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Debatte um Abgaswerte: Der Streit um dicke Luft geht weiter

Es wird unübersichtlich und widersprüchlich. Im Streit um dicke Luft, Abgaswerte, Fahrverbote und die Debatten um Schadstoffgrenzwerte, hat das das ZDF Magazin "Frontal 21" nachgeforscht. Mit erstaunlichen neuen Fakten.

Ein Gastbeitrag des ZDF Magazin "Frontal 21 von Hans Koberstein, Hilke Petersen, Rasmus Raecke und Felix Zimmermann | aufbereitet von Harald M. Depta | emobicon - Cover Bild: FAZ

Es herrscht dicke Luft! Dicke Luft bei Bürgern, die von Fahrverboten betroffen sind und die nach der Debatte um Schadstoffgrenzwerte den Eindruck haben, Fahrverbote seien gar nicht nötig. Dicke Luft in der Regierung, weil der Verkehrsminister die geltenden Grenzwerte angreift, und die Umweltministerin sie verteidigt. Dicke Luft unter Lungenärzten, die einen Streit austragen, der hochpolitisch ist. Was ist dabei Wissenschaft, was Ideologie? Wie gefährlich ist die Luftverschmutzung wirklich? Das ZDF Magazin Frontal 21 hat hinterfragt…

Kein wissenschaftlicher Beweis, so die Behauptung

Es ist ein Glaubenskrieg – so oder so ähnlich fassen wir den Bericht des Magazins Frontal 21 zusammen. Es gibt hier nicht nur zahlreiche Mythen und Falschinformationen , sondern auch Streit, wer was sagt und warum. Das die Grenzwerte für Stickstoffdioxid Sinn machen, glauben die meisten nicht. Fahrverbote seien deshalb eine einzige Zumutung. Fahrverbote seien deshalb eine einzige Zumutung.

So wird behauptet: Die 40 Mikrogramm sind überhaupt nicht, wissenschaftlich nicht bewiesen, dass das überhaupt irgendeine Gefahr darstellt. Und jetzt die Enteignung von Bürgern hier, so ‘ne Hauruck-Aktion, das geht einfach gar nicht. Ich find ́s eine Riesensauerei, so die Aussage eines Demonstranten im TV Bericht.

Lungenfacharzt Köhler entfacht eine Debatte

Viele hier elektrisiert vor allem die Botschaft des Lungenfacharztes Professor Dieter Köhler: Dem Grenzwert – von der WHO empfohlen – fehle die wissenschaftliche Basis. Über 100 Kollegen haben Köhlers Stellungnahme unterzeichnet, vor allem Lungenfachärzte. Das Gefühl bei vielen: Endlich sagt es mal einer – und zwar überall, rauf und runter. Dass da was nicht stimmen kann, begründet Köhler in seiner Stellungnahme unter anderem so:

„Lungenärzte sehen in ihren Praxen und Kliniken diese Todesfälle an COPD und Lungenkrebs täglich; jedoch Tote durch Feinstaub und NOx, auch bei sorgfältiger Anamnese, nie.“

 

Politik macht sich den Aussagen eines Lungenfacharztes zu Nutze

Professor Nino Künzli ist Präsident der Eidgenössischen Kommission für Lufthygiene. Anders als Köhler ist er seit 30 Jahren Umweltmediziner und Epidemiologe. Künzli sagt: Kein ernst zu nehmender Wissenschaftler habe je behauptet, Luftschadstoffe wie NOx seien eine direkte Todesursache. So einfach sei es nun mal nicht.

Nino Künzli, Schweizerisches Tropen- und Public Health-Institut sagt im Magazin:
„Der Grund ist übrigens auch der, dass fast keine Krankheit wegen nur einer Ursache entsteht. Selbstverständlich hat noch nie Arzt verbindlich einen Patienten sehen können, bei dem er sagt: Ja, um Gottes Willen, Sie haben einen Herzinfarkt wegen der Luftverschmutzung. Das ist unmöglich.“

Jetzt aber träumen viele davon, die lästigen Fahrverbote noch abzuwenden.

Köhler ist derzeit ein gern gesehener Gast – vor wenigen Tagen auch auf einer Veranstaltung der FDP-nahen Naumann-Stiftung. Für die liberale Bundestagsfraktion soll der Lungenarzt jetzt ein Gutachten verfassen, seit die Debatte immer brisanter wird.

Oliver Luksic, FDP. MdB, verkehrspolitischer Sprecher der Fraktion dazu im Magazin:
„Weil erst jetzt die Fahrverbote und damit ein millionenfacher Eingriff in privates Eigentum – ein stückweit Enteignung – kommt. Deswegen wird zum einen zu Recht von Lungenfachärzten der Grenzwert hinterfragt und zum anderen der Diesel-Mess-Wahnsinn, den wir in Deutschland haben.“

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Die WHO diskutiert derzeit, den Grenzwert sogar noch weiter abzusenken.

Dieter Köhler hegt den Verdacht, dass die Fachwelt ihn und seine kritische Botschaft jahrelang totschweigen wollte. Köhler sagt dazu im Magazin: „Die haben sich eben auch durch die Forschungsgelder zu sehr jetzt auf den Feinstaub und das NO2 konzentriert. Und es gab auch – und das weiß ich ja auch von Insidern – immer nur eine Botschaft: Feinstaub und NO2 muss gefährlich sein! Und so wurden die Studien auch extrem einseitig ausgewertet.“

Doch wie kommt Professor Köhler zu der Überzeugung, dass alle anderen wissenschaftlich falsch interpretieren? Er praktizierte als behandelnder Lungenarzt, war eine Zeit lang Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, einer Vereinigung von Lungenärzten.

Dieter Köhler dazu im Magazin:
„Und dann hab ich mal hochgerechnet, wieder auf die Raucher, das schöne Beispiel…“

Köhler fragt sich: Warum sterben Raucher nicht deutlich früher, da in Zigaretten doch viel höhere Schadstoffmengen seien als in belasteter Luft?

Die Sache mit den Rauchern widerlege Studien, die schlechte Luft und kürzere Lebenszeit in Zusammenhang bringen, behauptet Köhler. Damit steht er ziemlich allein:

„Die amerikanische Umweltbehörde hat schon im Jahr 2016 mehr als 1.500 Studien und Belege zusammengetragen. Die Auswertung ergibt: Stickoxide schaden der Gesundheit auf unterschiedliche Weise.“ Neben Statistiken gibt es auch zahlreiche Experimente und Tierversuche, die einen Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Krankheit belegen.

Die Forschergruppen der WHO kommen weltweit aufgrund fortlaufender Studien zum Grenzwert: 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Die WHO diskutiert derzeit, den Grenzwert sogar noch weiter abzusenken.

Diese Studien und ihre Erkenntnisse haben alle das sogenannte Peer-Review-Verfahren durchlaufen. Bedeutet: Vor ihrer Veröffentlichung wurden sie von mehreren Fachkollegen begutachtet.

Katja Becker, Vizepräsidentin Deutsche Forschungsgemeinschaft im Magazin:
„Das Peer-Review-Verfahren sichert ab, dass Sie sich auch der Kritik der Fachwelt stellen. Und erst wenn sich alle einig. sind, dass das wirklich eine runde Arbeit ist, die auch wirklich dem aktuellen Stand der Forschung entspricht, dann wird diese Arbeit veröffentlicht.“

Ganz ohne wissenschaftliches Peer-Review-Verfahren veröffentlichte Köhler im Deutschen Ärzteblatt. Das gilt nicht als Fachjournal. Wie wissenschaftlich also ist seine Arbeitsweise?
Dieter Köhler, Lungenfacharzt i.R. dazu im Magazin:„Na ja, ich hab jetzt auch im Zusammenhang mit meiner Kritik, mit dem Artikel im Ärzteblatt, die Literatur rauf und runter angeschaut. Und ich gelte ja in meiner eigenen Community sozusagen als Literatur-Fuzzi. Wenn ich also eine Diskussion habe, Pro/Kontra, kenne ich oft die Literatur besser als mein Kontrahent.“

Keine Publikationen, kein Fachwissen, keine wissenschaftliche Erkenntnis

In der größten öffentlichen Datenbank für medizinische Artikel suchen wir nach Publikationen von Köhler zu epidemiologischen Schadstoffgefahren – und finden nichts.

Nino Künzli, Schweizerisches Tropen- und Public Health-Institut im Magazin:
„Ich kann beurteilen, dass er inhaltlich, fachlich, zu Fragen der Auswirkung von Luftverschmutzung auf die Gesundheit der Menschen ein absoluter Laie ist. Ich verstehe nicht, weshalb ein Arzt jetzt an die Bevölkerung tritt und sagt, man müsse aus wissenschaftlichen Gründen die Grenzwerte aufheben. Das ist unethisch.“

Wir suchen weiter – nach Arbeiten zu Stickstoffdioxid oder Feinstaub von Habilitierten und Professoren, die Köhlers Stellungnahme unterzeichnet hatten. Auch da: nichts.

Das ZDF Magazin Frontal 21 fragt bei den Unterzeichnern nach. Und erreicht 76 von ihnen. 25 antworten uns und räumen ein: Keiner von ihnen hat sich wissenschaftlich mit genau diesem Thema beschäftigt.

Fehlendes Fachwissen – trotzdem riesige Grenzwertdebatte. Manchem in der Politik kommt das gelegen, schließlich drohen überall im Land gerichtlich angeordnete Fahrverbote.

Die Politik spricht von Fakten, die sie selber nicht kennt

Schon im vergangenen Jahr gab es in Hamburg ein erstes Fahrverbot für Dieselfahrzeuge in einigen Straßen. Seit Januar gilt in Stuttgart ein Verbot für das gesamte Stadtgebiet. Im Laufe dieses Jahres werden die Städte Bonn, Köln, Berlin, Darmstadt, Essen, Gelsenkirchen und Mainz hinzukommen. In zwei Städten, nämlich in Aachen und Frankfurt, ist das Fahrverbot vorerst ausgesetzt. Gerichtsverfahren laufen außerdem noch in 22 weiteren Städten, darunter München. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer fordert jetzt ein Moratorium. Er will die geltenden Grenzwerte am liebsten aussetzen. Die Kampagne einiger weniger Lungenärzte passt der Union politisch gut rein. 

Andreas Scheuer, CSU, Bundesverkehrsminister, am 24.1.2019 im ARD-Morgenmagazin:

„Deswegen freue ich mich, dass so viele Experten sich zusammengeschlossen haben, um noch mal Fakten in die Debatte zu bringen.“

Bei der EU will der Verkehrsminister den Grenzwert jetzt überprüfen lassen – für die SPD-Umweltministerin eine völlig überflüssige Aktion.

Svenja Schulze, SPD, Bundesumweltministerin dazu im Magazin:  „Aktuell führt die EU wieder einen sogenannten Fitness-Check für die europäische Luftreinhalte-Richtlinie durch. Ein Verfahren, dass die Ausrichtung und Wirkung dieser Richtlinie überprüft. Und dabei werden auch die Grenzwerte einbezogen. Im Moment gibt es also keinen Anlass zusätzliche Moratorien oder Überprüfungen zu fordern.“

Demonstrieren in gelben Westen: Die Betroffenen fühlen sich von der Politik ungerecht behandelt.

Dazu ein Demonstrant im Magazin:
„Es wird Zeit, dass sich die Leute sammeln. Dass wir uns stark machen. Dass wir zeigen, das lassen wir mit uns so nicht machen. Weil‘s einfach ‘ne Lüge ist.“

Sie trauen in der aufgeheizten Debatte weder Grenzwerten noch Entscheidern. Einfache Botschaften – vor allem falsche – befeuern die große Diesel-Wut.

Quelle: ZDF | Frontal 21 | mit freundlicher Genehmigung des ZDF

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