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Das Diesel-Mimimi nervt

Das Gejammer der Dieselfahrer nervt. Natürlich wurden sie von Industrie und Politik betrogen. Aber sie wollten sich auch betrügen lassen. Freunde, ihr seid selbst schuld! Tragt eure Verantwortung und haltet die Klappe! 

 von Jacob Augstein / SPIEGEL ONLINE

Eine neue Opfergruppe macht in Deutschland von sich reden. Es ist die misshandelte Minderheit der Dieselfahrer. Klassenübergreifend – vom Passat 1.9 TDI bis zum Cayenne S Diesel – herrscht ein großes Heulen und Zähneklappern. Erst wurden diese Leute jahrelang von Bossen und Politikern betrogen und belogen. Und jetzt will man ihnen das Liebste nehmen, was sie haben: ihren treuen – und teuren – Diesel. So jedenfalls geht die traurige Geschichte, die auch mein guter Freund Jan Fleischhauer hier neulich erzählt hat. Die Wahrheit ist – wie so oft bei traurigen Geschichten – eine andere.

Enteignung! Das ist ein schlimmes Wort. Aber der ADAC ruft Enteignung und Jan Fleischhauer ruft es auch und dann muss ja etwas Schreckliches geschehen sein. Denn Enteignung klingt nach Sozialismus. Und das wäre ziemlich krass: Sozialismus in Deutschland?

Enteignungen haben sich die Linken anders vorgestellt

Gibt es Enteignungen? Es gibt ein Urteil des Leipziger Bundesverwaltungsgerichts, nach dem Städte und Kommunen Fahrverbote erlassen dürfen, um die Luftqualität zu verbessern. Weil Dieselautos besonders viel Dreck in die Luft pusten, kann das Einschränkungen für Besitzer dieser Autos bedeuten. In Hamburg zum Beispiel werden voraussichtlich ab April 600 Meter der Max-Brauer-Allee zwischen Julius-Leber-Straße und Holstenstraße für alle PKW und LKW gesperrt sein, die nicht die Abgasnormen 6 oder Euro VI erfüllen. 600 Meter. Enteignungen haben sich die Linken irgendwie anders vorgestellt.

Warum dann die Aufregung? Eigentlich ist der Deutsche gutwillig und leicht zu führen – solange man ihn in Ruhe Auto fahren lässt. Wenn man aber zwischen den Deutschen und sein Auto kommt, verliert er die Fassung, und man merkt dann gleich, dass es beim Auto immer um viel mehr geht. „Deutschland sollte stolz auf den Diesel sein!“ schrieb die „Bild“-Zeitung und die AfD postet im Netz: „Teilen, wenn auch du Diesel fährst! Ich bin stolzer Dieselfahrer!“ Wenn man bedenkt, was der Diesel für eine Dreckschleuder ist, könnte man auch sagen: „Ich bin stolzer Komasäufer“ oder „Ich bin stolz auf meinen Nagelpilz.“

Also keine Enteignungen. Die ganze Aufregung um den Selbstzünder ist ein Rohrkrepierer. Beim Thema Diesel kommt nicht der Tiger in den Tank – sondern ein brenzliges Gemisch aus Hysterie und Heuchelei, und zwar im guten alten Zweitakter-Verhältnis 1:25!

Dieselfahrer können durchatmen

Die Leute beschweren sich, dass sie sich beim Kauf eines Diesels an die geltenden Gesetze gehalten haben und nun weder Einschränkungen noch Verluste erdulden wollen. Aber die Einhaltung der Gesetze entbindet einen nicht von der Verantwortung für die Konsequenzen der eigenen Handlungen. Es gibt für diese Konstellation in Deutschland ein paar historische Vorbilder, nicht wahr? Man braucht kein Ingenieursstudium, um zu wissen, was Dieselabgase bedeuten. Wer mal mit dem Fahrrad hinter einem Bus an der Ampel gewartet hat, weiß, wovon die Rede ist.

Und jeder Autokäufer weiß auch, dass die Verbrauchswerte der Hersteller gelinde gesagt realitätsfern sind. Hier ein Auszug aus dem Testbericht eines Autoportals für den VW Touareg V6 TDI: „Als Normverbrauch (NEFZ) nennt Volkswagen 6,6 Liter auf 100 km. Zu diesem Wert tragen diverse Feinarbeiten am Motor und an den Nebenaggregaten, aber auch die sogenannte Segelfunktion, bei. Wird der Motor für den Vortrieb nicht benötigt, wird er ausgekuppelt und der Touareg rollt wie im Leerlauf. Wir lagen in der Praxis dennoch eher bei zehn Litern, was für einen 2,5-Tonner mit diesen Fahrleistungen niemanden überraschen sollte.“

Zehn Liter? Die Verbrauchswerte, die Touareg-Fahrer im Internetchat austauschen, liegen noch deutlich höher: „Jetzt mal ehrlich was verbraucht euer V6 TDI im Durchschnitt. … Mein langzeitverbrauch ist 12,3 Liter“ schreibt „Chris“ fröhlich, und bei „Martin“ sind es 13 Liter und bei „Yooman“ im Stadtverkehr gar 20 Liter. Sind das die gleichen Leute, die sich jetzt beschweren, dass sie an Smogtagen künftig vielleicht nicht mehr in die Stuttgarter Innenstadt fahren dürfen?

Das Diesel-Mimimi nervt. Die Leute wurden von der Industrie und der Politik betrogen.
Aber sie wollten sich gerne betrügen lassen. Dann sollen sie jetzt die Klappe halten und ihre Verantwortung tragen.

Aber weil dies die Autorepublik Deutschland ist, können die Dieselfahrer, die unsere Städte verpesten, ihre Schnappatmung einstellen, tief Luft holen und durchatmen. Eine „Expertenkommission des Bundesverkehrsministeriums“ hat bereits vorgeschlagen, dass der Staat sich an den Kosten für die Umrüstung der Dieselfahrzeuge beteiligt. Im Jargon des autoindustriellen Komplexes bedeutet das Wort „Expertenkommission“ so viel wie organisierte Lobbygruppe.

Am Ende, da kann man sicher sein, werden wir alle zahlen müssen. Egal, ob wir den Diesel nehmen oder das Fahrrad.

QUELLE: Spiegel Online

7 Gedanken zu „Das Diesel-Mimimi nervt

  1. Natürlich wissen die meisten Autokäufer, dass die genormten Verbräuche nach NEFZ bzw. WLTP ohne RDE einfach nur Prüfstandswerte sind. Es sollte sich auch keiner beschweren über eine Ungleichbehandlung der verschiedenen Abgasnormen, dass war ja schon immer so (Stichwort Steuern).

    Aber zu behaupten, Diesel wären Dreckschleudern, ist schlicht und ergreifend Humbug. Jeder moderne Dieselmotor (ab Euro 6 B) eliminiert nahezu alle Stickoxide, stößt weniger CO2 aus und die Zeiten der Rußfahnen sind auch vorbei. Fakt ist, die Klimaziele für die nahe Zukunft können gerade in Bezug auf CO2 nur mit Hilfe des Diesel erreicht werden. Momentan gibt es für Menschen, die täglich viel fahren müssen, keine Alternative zum Diesel. Elektro bietet größtenteils nicht die nötige Reichweite, Benzin ist teurer und bis auf Stickoxide dreckiger als Diesel.

    Es ist klar, dass etwas getan werden muss, um erstens die Umwelt zu schützen und zweitens auf das Ende der fossilen Brennstoffe vorbereitet zu sein. Momentan ist aus meiner Sicht das vielversprechendste Konzept der Antrieb mittels Brennstoffzelle: sauber, leicht und schnell zu betanken, deutlich bessere Ökobilanz als reine Stromer oder Hybrid

  2. Guten Tag.
    Vielen Dank für Ihren Kommentar.

    Wieviel Millionen Diesel Euro 2-6 gibt es auf den Strassen und wieviele ab 6B aufwärts ?

    Deswegen ist die Annahme durchaus berechtigt zu sagen, das Diesel in Ihrer jetzigen Form erwiesener Maßen Dreckschleudern sind. Das haben zahlreiche Tests mit den Fahrzeugen bewiesen.

    Wenn die Handlanger der Regierung den Autobauern nicht erlaubt hätten zu betrügen, hätten wir auch das Problem nicht. Denn das Problem mit den NOx Werten ist real, durch viele Gerichtsentscheidungen ebenso bestätigt.

    Bezüglich Elektrofahrzeugen ist Ihre Meinung das eine, die Realität eine andere wenn die meisten Fahrten überschaubar und weit unter 100 km täglich sind.
    Sicherlich sind noch nicht in allen Klassen alle möglichen Fahrzeuge verfügbar, dennoch findet die Angst der angeblich zu wenig Reichweite in den Köpfen statt, nicht in der Realität. Das können wir so sagen, weil das die Tatsachen sind.

    Keiner hat was dagegen wenn Diesel fahren. Wenn, ja wenn Sie sauber sind und die Grenzwerte einhalten. Fakt ist : Die meisten tun es nicht.

    Es ist Ansichtssache ob Brennstoffzelle sinnvoll ist oder reiner Stromer. Das wird die Zeit zeigen.
    Allerdings sind die Stromer da und werden immer mehr und besser. Die Brennstoffzelle dagegen noch viel zu teuer und kaum verfügbar.

    1. Natürlich ist der Anteil an EURO6 B-Motoren noch gering, wird aber naturgemäß steigen. Gerade jetzt, wo viele ihre Fahrzeuge abstoßen. Ob dieses Abstoßen wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll ist, wage ich in manchen Fällen zu bezweifeln. Es gibt viele Leute, die ihren jungen (4 bis 5 Jahre) Diesel abstoßen…und sich ein neues Fahrzeug kaufen. Ressourcenverschwendung hoch tausend ☝

      Es ist vollkommen logisch, dass bei einer Verbrennung Schadstoffe entstehen…das Problem des Drecks ist also nicht allein auf den Diesel zu beziehen. Selbst ein EURO5-Diesel schafft durch Abgasreinigung eine Reduktion der Stickoxide um ca. 95 %; beim CO2- und Rußpartikelausstoß ist er jedem modernen Benziner mindestens ebenbürtig, meistens sogar sauberer. Es ist leider kaum bekannt, dass moderne Benziner mit Direkteinspritzung extrem viele Rußpartikel ausstoßen.

      NOx ist hoch giftig in hohen Konzentrationen, keine Frage. Allerdings ist es schon fragwürdig, weshalb an Straßen an der freien Luft ein Mittelwert von 40 mg nicht überschritten werden sollte, allerdings vom Gesetzgeber her ein Grenzwert zwischen 80 bis 950 (!!!!) mg vollkommen unbedenklich ist. Wo verbringt der Mensch auf den Tag gesehen wohl mehr Zeit, an der Straße oder auf der Arbeit?

      Die Reichweiten steigen und werden dies in naher Zukunft rasant tun, dass ist mir vollkommen bewusst. Allerdings ist es doch deutlich bequemer, sein Fahrzeug innerhalb von 5 Minuten zu betanken und dann zwischen 500 bis 1000 km fahren zu können. Ich wohne in einer Kleinstadt in einem Wohnblock. Es gibt in unserer Stadt 4 Ladesäulen…bei 20000 Einwohnern und geschätzt 4000 PKW. Für mich und viele andere, die in Wohnblocks wohnen, ist eine tägliche Ladung nicht möglich…auch wenn die Reichweite eines Stromers ausreichen würde für den täglichen Bedarf. Es müßte in Rekordzeit eine Infrastruktur für E-Mobilität geschaffen werden; dass Rekorde in Verbindung mit Bauvorhaben hier in Deutschland nicht Standard sind, sollte sich mittlerweile rumgesprochen haben.

      Ich gebe Ihnen Recht, dass saubere Fahrzeuge immer fahren dürfen sollten; allerdings nicht nur bezogen auf Diesel, sondern auf alle Motoren. Man sollte auch bedenken, dass der Strom in Deutschland zu großen Teilen aus fossilen Brennstoffen gewonnen wird. Aktuell beeinträchtigt das die Ökobilanz jedes E-Fahrzeugs enorm. Wenn man das bei der Stromproduktion entstehende CO2 einrechnen, sind auch E-Motoren Dreckschleudern. Da der Dreck aber nicht am Auto anfällt, wird das oft ausgeblendet. Ich möchte E-Fahrzeuge keinesfalls schlecht reden, das Fahrverhalten und der Komfort sind Verbrennen mindestens ebenbürtig…ich wünsche mir ganz einfach, dass eine sachliche Diskussion geführt wird, die die Vorteile und Nachteile aller Antriebskonzepte aufzeigt.

      Es ist auch richtig, dass die Brennstoffzelle noch zu teuer ist für die Benutzung in Deutschland. In Japan zum Beispiel existieren momentan ca. 700 Wasserstofftankstellen. Würden diese Fahrzeuge auch in Deutschland weiter verbreitet sein, würden sich auch hier die Kosten deutlich reduzieren. Ganz zu schweigen von den benötigten Tankstellen. Trotzdem finde ich, dass die Brennstoffzelle die Vorteile von Verbrennern und Stromern in sich vereint. Leicht und schnell zu betanken wie ein Verbrenner, sauber und kraftvoll wie ein Stromer. Problem ist, dass sich mit Wasserstoff deutlich weniger Geld verdienen lässt als mit Öl oder Strom; deswegen wird sich das auf lange Sicht glaube ich vorerst nicht ändern.

  3. Herr Beck, es geht um den Zustand JETZT nicht in der Zukunft. Klar wird es neue Modelle und neue Motoren geben.
    Es geht um das Thema saubere Luft. Nichts weiter.
    Wissen sie, wir wohnen im kleinen Sundern im Sauerland
    15000 Fahrzeuge täglich. WIR haben eine geeichte, gerichtsfeste Messstation am Haus, im 5 Meter Höhe. Dort werden Messwerte ermittelt die bis zum 9 fachen der Grenzwerte.

    Zahlreiche Tests, Untersuchungen , Experten und Gerichte, ebenso die EU sehen das Problem als gravierend an. Saubere Luft, so urteilte der europäische Gerichtshof schon vor Jahren ist ein Recht. Dieses Recht ist stets höher zu bewerten, als jedes andere.
    Genau deshalb hat das Bundesverwaltungsgericht so geurteilt.

    Selbst im Strommix den wir im Netz haben ist ein Stromer BESSER, nachgewiesener Massen UND es werden keine lokalen Emissionen erzeugt.
    Übrigens: Die meisten eMobil Fahrer fahren GRÜN, zum grossen Teil mit eigenem erzeugtem Strom vom Dach – denn ca 80 % der Ladevorgänge finden privat statt.

    Sachlich ist die Diskussion wenn in einem RECHTSSTAAT Gericht entscheiden.

    Das eMobil kann nichts dafür das Autobauer und Politik soviel Mist machen, aber der Fahrer kann wenn er denn will statt zu jammern handeln – künftig.

    Die Autobauer sitzen auf dem hohen Ross, weil sie wissen, das der DUMME KUNDE wieder bei denen kaufen wird. Würde er nicht, würde es auch anders aussehen. Das ist denke ich klar.

  4. Ist ja spannend was hier so geschrieben wird…. Nachvollziehen kann ich davon nicht alles.. In meiner Situation ist das so.. Ich fahre ca 33.000km mit einem 3l Diesel mit AddBlue (kein dt.Modell) pro Jahr.. Zu 90% bewege ich mich zügig und wenn es geht weit über der Richtigeschwindigkeit auf der Autobahn.. Ist halt so wenn man Termine hat.
    Mein Fahrzeug verbraucht über das Jahr im Schnitt 7,8l/100km Diesel. Aufgrund der Strecken und meiner Ziele scheidet ein Elektroding aus.. Da wo ich hin muss kann und darf ich nicht nach Strom fragen 😉 .. Bleibt der Benziner… der genießt bei selber Fahrweise (und warum sollte ich anders fahren) dann 15-16l Benzin/100km… Was schadet der Umwelt nun mehr? Sicher der Benziner.

    Autostrada Norditalien… 5,2l / 100km… MaximalVerbrauch in D 10.2l bei Dauervollgas… Das sind hervorragende Werte für ein 5m Auto…
    Ich habe weder Ahnung noch Lust dieses genussvolle Fahren gegen einen Benziner mit halber Reichweite einzutauschen.. wozu?! Der kann alles nur schlechter…

    Die dt. Umwelthilfe hingegen ist klar Gewinnorientiert.. Die haben einen Auftrag.. und sich als Abmahnverein einen tollen Namen gegeben.. Ich diesel weiter.. Mit gutem Gewissen!

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